Schreiben

Die Hitzewelle – eine Kurzgeschichte

Es war 5 Uhr und der Wecker klingelte. Lisa hatte ihn gestern Abend auf diese Uhrzeit gestellt, obwohl sie eigentlich bis um 8 Uhr schlafen konnte. Aber ihre Wetter-App hatte vorhergesagt, dass es um 5 Uhr am kühlsten sein würde: 24 Grad.

Sie schlug nicht ihre Bettdecke zurück und schlüpfte auch nicht in ihre Hausschuhe. Stattdessen warf sie ein T-Shirt über ihren nackten Oberkörper und schaltete den Ventilator an, der neben ihrem Bett stand. Als sie den Rollladen hoch zog, war sie froh, sich etwas angezogen zu haben, denn am Haus gegenüber arbeiteten die Handwerker bereits an der Fassade. Ihr leises Gemurmel und das Klappern auf dem Gerüst hallten durch die Hinterhöfe der Nachbarschaft. Lisa öffnete die Balkontür. Frisch war die Luft nicht. Eher stickig und muffig, wie ein Handtuch, das jemand nach dem Duschen achtlos auf den Boden geworfen hat. “Morgen!”, riefen ihr die Handwerker vom Gerüst aus zu. Lisa sagte nichts und ging wieder rein. Die Balkontür ließ sie offen stehen.

Vom Schlafzimmer aus schlurfte sie weiter zum Wohnzimmer, in die Küche und das Bad. Sie riss alle Rollläden hoch und machte die Fenster weit auf. Statt kühler Brise spürte sie einen warmen Luftzug, der sich im Laufe des Tages wieder zu einer unerträglichen Hitze entwickeln würde. Müde ging sie zurück ins Schlafzimmer und ließ sich bäuchlings aufs Bett fallen. Der Ventilator pustete kühle Luft über ihre Beine und ließ sie schläfrig werden.

“Klatsch, ratsch, pling!” Putz wurde in einem wiederkehrenden Rhythmus an die Wand geworfen und glatt gezogen. Es war mittlerweile 7 Uhr und die Sonne schien auf Lisas Bett. Schnell stand sie auf und schloss die Balkontür sowie alle anderen Fenster in ihrer Wohnung. Die Handwerker auf dem Gerüst wischten sich bereits den Schweiß von der Stirn. Sie hörte, wie die Nachbarskinder die Treppe hinunter polterten. Sie würden heute hitzefrei bekommen und vor 12 Uhr die Treppe wieder hoch stapfen, während Lisa noch bis 17 Uhr im Home Office durchhalten musste. Warum hatte sie nur keine Klimaanlage gekauft als es noch welche gab? Ins Büro gehen war auch keine Alternative. Dort war es genauso heiß und sie musste zusätzlich die Ausdünstungen und ungepflegten Füße ihrer Kollegen ertragen.

Lisa holte sich einen Becher Joghurt aus dem Kühlschrank und ließ dabei die Tür einen Moment länger offen als sonst. Dann schlüpfte sie in ihre bequemsten Shorts und schaltete den Laptop an. 12 ungelesene E-Mails. Das ging ja noch. Ihre Kollegin Julia wollte wissen, ob der Projektplan aktualisiert worden war. Ihr Chef Thomas lud zum Team-Meeting ein. Eine E-Mail hatte im Betreff WASSEREIS!!!!! stehen. Lisa klickte darauf.

“Liebe Mitarbeitende,

aufgrund der großen Hitze steht für euch in der Küche eine Kühlbox mit Wassereis bereit. Bedient euch!

Euer Leitungsteam”

Wow. Wassereis bei 38 Grad Celsius. Kein: “Macht langsam heute” oder “Macht gerne früher Feierabend” oder “Wir werden eine Klimaanlage installieren”. Lisa ließ ihren Kopf auf den Schreibtisch sinken. In ihrem Schlafzimmer, wo auch ihr Schreibtisch stand, war die Temperatur schon auf 28 Grad angestiegen. Trotzdem würden sie keine zehn CEOs und schon gar kein Wassereis dazu bringen, ins Büro zu gehen. Sie beantwortete ein paar E-Mails und ließ sich dabei von ihrem Ventilator anpusten. Um kurz vor 10 Uhr hastete sie ins Bad, um sich die Haare zu kämmen und ein frisches T-Shirt anzuziehen. Den Rest musste der Filter der Kamera ausbügeln, die beim Team-Meeting für alle angeschaltet sein musste. Thomas startete das Meeting pünktlich um 10 Uhr. Lisa hörte zu, wie andere redeten, ohne dabei etwas Konkretes zu sagen, und beamte sich gedanklich an den See. Um 12 Uhr war der Schrecken endlich vorbei und sie ließ sich erschöpft aufs Bett fallen.

Sie musste wieder eingeschlafen sein, denn als sie auf ihr Handy sah, war es bereits 13 Uhr. Außerdem war sie klatschnass geschwitzt. Warum war der Ventilator nicht mehr an? Sie drückte auf den Knopf, aber es tat sich nichts. Vom Gerüst gegenüber kamen auch keine Handwerker-Geräusche mehr. Als sie in die Küche ging, um sich etwas zu Essen zu machen – Caprese mit viel Mozzarella – war das Licht im Kühlschrank aus. Lisa dämmerte Unheilvolles. Sie drückte auf den Lichtschalter, aber in der Küche blieb es dunkel. Sofort machte sie sich auf den Weg zum Sicherungskasten, doch alle Schalter waren in der richtigen Position. Der Strom war also wirklich ausgefallen! Sie checkte das WLAN Signal auf ihrem Handy: Auch das Internet war weg.

Lisa sank auf den Küchenhocker und starrte ins Leere. Ihr Blick fiel auf den Gefrierschrank: Alle ihre Vorräte würden schmelzen. Sie würde schmelzen ohne Ventilator! Plötzlich stand sie auf und riss ihre große Schwimmbadtasche aus dem Schrank. Sie warf ihren Badeanzug, ein Handtuch, Sonnencreme und ihre Wasserflasche hinein.

“Scheiß drauf, ich geh jetzt an den See!” Als sie die Wohnungstür hinter sich zuzog, kamen ihr die Nachbarskinder entgegen: “Lisa, wir haben heute hitzefrei!”, riefen sie begeistert.

“Ich auch!”, sagte Lisa und ging lächelnd weiter.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert