Jul 13
Freelance Mama

Selbstständig mit Kind: Meine Erfahrungen als Freelance Mama

Ein Jahr ist es nun her, dass die Steuernummer vom Finanzamt in den Briefkasten geflattert ist und ich damit offiziell selbstständige Texterin wurde. Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, mich selbstständig zu machen, aber die Prioritäten lagen zunächst woanders. 2018 kam mein Sohn zur Welt, 2019 sind wir mit Sack und Pack von England zurück nach Deutschland gezogen und im Frühjahr 2020 fing mein Mann seinen ersten Job in der Industrie an, nach zehn Jahren Studium inklusive Promotion in Cambridge.

Eine kurze Info zu meiner persönlichen Situation

Ich habe mich in der Elternzeit selbstständig gemacht, als mein erstes Kind zwei Jahre alt war. Aufgrund unseres Umzugs aus dem Ausland war ich zu diesem Zeitpunkt nicht angestellt. Ich hatte aber Lust, wieder etwas für meine Karriere zu tun, und eine flexible Tätigkeit wie das freiberufliche Texten schien am besten zu unserer Familiensituation zu passen, die damals von vielen Veränderungen geprägt war.

Mein Mann arbeitet aktuell in Vollzeit und ist damit der Hauptverdiener in unserer Familie. Ich arbeite in Teilzeit und bin für den Großteil der Kinderbetreuung zuständig. Auch wenn mich diese klassische Rollenverteilung manchmal stört, ist sie für uns als Familie mit einem klaren finanziellen Vorteil verbunden: Als promovierter Chemiker verdient mein Mann einfach mehr als ich. Ich verrate euch aber mal ein kleines Geheimnis: Irgendwann möchte ich so viel verdienen wie er – und dabei möglichst immer noch in Teilzeit arbeiten. Think big, start small!

Die Arbeit steht und fällt mit der Kinderbetreuung

Und mit der Kinderbetreuung sah es in diesem Corona-Jahr eher mau aus. Hinzu kommt, dass wir uns ganz bewusst dazu entschieden hatten, unseren Sohn so lange zu Hause zu betreuen bis wir näher zur Arbeitsstelle meines Mannes gezogen waren. Nach dem Wegzug aus England und Neustart in Deutschland wollten wir ihn nicht noch mehr Veränderungen aussetzen. Anfangs klappte das alles auch noch wunderbar: Im ersten Lockdown war mein Mann eine Zeit lang in Kurzarbeit, sodass er sich viel um unser Kind kümmern konnte. Zudem war ich anfangs auch noch sehr euphorisch und hatte viel Energie, mich abends oder während des Mittagsschlafs um mein Business zu kümmern.

Irgendwann arbeitete mein Mann aber wieder in Vollzeit und war durch die Pendelei mindestens zehn Stunden am Tag außer Haus. Unser Sohn entschied zu dem Zeitpunkt auch noch, dass er keinen Mittagsschlaf mehr braucht. Er verbrachte zwar eineinhalb Tage in der Woche bei der Omi, aber irgendwann wurde mir klar, dass ich mein Arbeitspensum nicht in diese 10-15 Stunden pro Woche quetschen konnte und wollte. So hoffte ich, dass er nach dem Umzug ein paar Tage in der Woche in den Kindergarten gehen kann, doch auch diese Hoffnung hat sich leider noch nicht erfüllt. In unserem Wohnort gibt es momentan nicht genügend Kindergartenplätze. Das ist ziemlich frustrierend, aber auf die Schnelle auch nicht zu ändern, da es wohl ein akutes Personalproblem gibt.

Es ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass es mit Kindern oftmals anders kommt als man denkt. Sie werden krank, die Tagesmutter wird krank oder die Schule wird aufgrund einer Pandemie geschlossen. Dann ist es hilfreich, wenn man sich die Arbeitszeit frei einteilen kann, weil man selbstständig ist. Und trotzdem muss man diese Zeit ja irgendwie nachholen, wenn es Deadlines gibt oder der Kunde auf einen Text wartet.

Wenn man angestellt ist, kann man in solchen Situationen auch mal unterm Radar verschwinden, da Kolleginnen und Kollegen die Aufgaben übernehmen können. Man sollte sich also gut überlegen, wie man solche Ausnahme-Situationen als Familie auffängt, ohne direkt auf ein Burn-Out zuzusteuern oder plötzlich ohne Einkommen dazustehen. Eins steht aber fest: Wenn man konzentriert arbeiten und für Kunden erreichbar sein möchte, braucht es einfach eine regelmäßige und zuverlässige Kinderbetreuung.

Als Mama brauchst du Phasen der Erholung

Wenn du bereits Mutter bist, weißt du, dass bestimmte Dinge einfacher zu erledigen sind, wenn das Kind gerade in der Betreuung ist: Telefonate, Arztbesuche, Einkäufe, mal kurz durchsaugen, Kinderklamotten in der nächsten Größe bestellen etc. Ich habe irgendwann beschlossen, diese kleinen, unsichtbaren Haushaltstätigkeiten nicht mehr zu erledigen, wenn mein Sohn bei der Omi ist, sondern mich komplett auf die Arbeit zu konzentrieren. Ich habe das Glück, dass ich meine Arbeit sehr gerne mache und dass das Schreiben für mich Erholung ist. Dennoch brauche ich auch Zeiten, in denen ich einfach komplett abschalten kann.

Besonders jetzt während meiner zweiten Schwangerschaft fehlt mir oft die Energie, abends noch was für mein Business zu tun, nachdem ich den ganzen Tag ein Kleinkind bespaßt habe. Ich erinnere mich gut an diesen endlosen Winter-Lockdown mit Schnee. Wie ich – total erschlagen von den Begleiterscheinungen des ersten Trimesters – mit meinem Kleinkind und Schlitten den schneebedeckten Hang hinterm Haus hinaufgestapft bin und anschließend den Rest des Tages fix und fertig war. Man sollte als Mama wirklich auf sich achten und andere um Hilfe bitten, auch wenn einem das schwer fällt. Denn erst wenn man selbst ausgeruht und fit ist, kann man sich auch wieder gut um die Familie und den Job kümmern.

Zudem ziehe ich als eher introvertierter Mensch meine Energie aus dem Alleinsein, aber wenn man Kinder hat, ist man nie wirklich allein. Außer die lieben Kleinen schlafen. Doch dann wartet meistens noch ein Berg Wäsche, oder Papierkram, der sortiert werden möchte oder ein Partner, der auch Zuwendung braucht. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich mein Kind „nur“ abgebe, um Zeit für mich zu haben. Denn die Leistungsgesellschaft hat uns darauf getrimmt, ständig produktiv zu sein und Zeit nicht zu verschwenden. Mich als Texterin selbstständig zu machen, war vermutlich auch der Versuch, wieder etwas nur für mich zu tun, aber gleichzeitig einer gewinnorientierten Arbeitswelt zur Verfügung zu stehen, die dem Konzept „Hausfrau und Mutter“ eher skeptisch gegenüber steht.

Das Problem mit der Care-Arbeit

Manchmal würde ich gerne mit meinem Mann tauschen, der sich morgens um 7 Uhr aus dem Haus schleicht, während ich Haferflocken für unseren Dreijährigen aufkoche und den ersten Ausraster abkriege, weil es statt Himbeeren Nektarinen zum Frühstück gibt. Ich liebe mein Kind, daran besteht kein Zweifel, aber ich liebe es nicht immer, Mutter zu sein und mich mit der ganzen Care-Arbeit herumzuschlagen, die es gratis dazu gibt, sobald man schwanger wird. Denn sie ist unbezahlt und unsichtbar, obwohl das ganze Kümmern und Sorgen ziemlich fordernd und anstrengend sein kann. „Du hast es dir doch so ausgesucht!“, denkt sich der ein oder andere jetzt vielleicht. Und ja, das stimmt, ich wollte Kinder haben. Ich schreibe das auch nicht, um Mitleid zu erwecken oder weil ich mich nicht dazu in der Lage fühle, Mutter zu sein.

Es ist auch unglaublich schön und erfüllend, Kinder im Alltag zu begleiten, zu sehen, wie sie neue Meilensteine erreichen und ihren ganz eigenen Charakter entwickeln. Aber dafür braucht es Zeit und Geduld, die im hektischen Familienalltag mit Erwerbsarbeit leider oft zu kurz kommen.

„Die Gesellschaft hat keine Lösung für die Sorgearbeit. Stattdessen werden Frauen aufgefordert, Vollzeit berufstätig zu sein und gleichzeitig ihren Mutterpflichten nachzukommen. Ein Spagat, der nur zur Überforderung führen kann.“

Das sagt die Soziologin Gabriele Winker in einem Interview in der Zeit, das ich wärmstens zu diesen Thema empfehlen kann.

Ich schreibe diesen Artikel auch, weil ich finde, dass berufstätige Mütter immer wieder auf diesen Spagat aufmerksam machen müssen, damit Arbeitgeber und unsere kapitalistische Gesellschaft endlich verstehen, dass Kinderbetreuung und Hausarbeit nicht einfach nebenher laufen. Damit Eltern endlich die Unterstützung kriegen, die sie brauchen, um effektiv arbeiten zu können und gleichzeitig ihr Familienleben entspannt genießen können.

Vernetzung und Austausch mit anderen Freelancern ist wichtig

Ich habe mich schon immer gerne allein in ein Thema hineingearbeitet, finde Team-Arbeit ziemlich anstrengend und Großraumbüros richtig ätzend. Deshalb denke ich, dass die Selbstständigkeit gut zu mir passt. Ich muss mich nicht von irgendwelchen Chefs herumkommandieren lassen und kann selbst entscheiden, wann ich wie und wo arbeite. Diese Freiheit und Flexibilität, die ich so an meinem Job schätze, haben aber auch ihren Preis. Wenn ich ein Problem habe oder mal Feedback brauche, kann ich keine Hilfe von Kollegen oder Vorgesetzten erwarten, denn ich habe schlichtweg keine.

In meinem persönlichen Umfeld ist niemand selbstständig und schon gar nicht im Online-Bereich. Wenn ich erzähle, was ich beruflich mache, haben viele ein großes Fragezeichen auf der Stirn. Damit man also nicht völlig in der Einsamkeit im Home-Office versinkt, ist es hilfreich, sich mit anderen Freelancern und Kreativschaffenden zu vernetzen. In den letzten eineinhalb Jahren war das persönlich zwar weniger möglich, aber zum Glück findet man Gleichgesinnte heutzutage vor allem online.

Es gibt auf Facebook einige Gruppen für Freelancer, zum Beispiel die von Lilli Koisser. Sie ist Business-Coach für Freiberufler und ihr Blog und Podcast sind wertvolle Ressourcen für (Solo-) Selbstständige. Außerdem folge ich einigen Textern und Marketing-Expertinnen auf Instagram und ich bin seit ein paar Wochen Teil des „Intuitive Creatives Collective“, einer kleinen aber feinen Online-Community von Freelancern, die sich regelmäßig zum Zoom-Call trifft. Es tut gut, wenn man hört, dass man nicht allein ist mit seinen Business-Problemen und Tipps bekommt, wie man sie am besten lösen kann.

Comparison is the thief of joy

Eins ist klar: Es gibt in jeder Branche Leute, die deinen Job genauso gut oder besser machen als du selbst. Sollte man deshalb gleich den Kopf in den Sand stecken und gar nicht erst damit anfangen? Nein! Es gibt natürlich immer wieder Phasen, in denen man alles anzweifelt und das Gefühl hat, alle anderen haben ihr Business besser im Griff und sind erfolgreicher. Aber sie haben vielleicht ganz andere Voraussetzungen: mehr Zeit, weil sie keine Kinder haben; mehr Umsatz, weil sie Vollzeit arbeiten; mehr Kunden, weil sie ihren Job schon jahrelang machen.

Wenn andere Texter ihre Erfolgserlebnisse auf Social Media teilen, freue ich mich mit ihnen und versuche, mich nicht mit ihnen zu vergleichen. Denn natürlich werden Erfolge eher geteilt als Niederlagen. Man weiß nie genau, wie es wirklich hinter den Kulissen aussieht und mit welchen Rückschlägen sie auf dem Weg gekämpft haben.

Außerdem sind meine Persönlichkeit, meine Erfahrungen und Skills so individuell, dass ich sehr wohl eine Daseinsberechtigung neben all den anderen Texterinnen und Textern habe. Es gibt in einer Stadt ja auch mehrere Friseure, Bäckereien und Restaurants, die alle nebeneinander erfolgreich existieren können, weil sie verschiedene Dinge anbieten oder unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.

Fazit

Es ist definitiv möglich, sich in der Elternzeit selbstständig zu machen, aber dann braucht es unbedingt eine funktionierende Kinderbetreuung. Immer dann zu arbeiten, wenn das Kind schläft, ist auf Dauer nicht gesund. Man sollte sich gut überlegen, wie man die Care-Arbeit aufteilt, sodass es finanziell Sinn macht, aber auch die Bedürfnisse jedes Familienmitglieds berücksichtigt sind. Ich bin definitiv eine bessere Mutter und Ehefrau, wenn ich arbeiten kann. Auf der anderen Seite möchte ich auch viel Zeit mit meiner Familie verbringen, denn die Jahre, in denen die Kinder klein sind, gehen so schnell vorbei. Die große Karriere läuft nicht davon, und trotzdem bin ich froh, dass ich diesen Schritt in die Selbstständigkeit zu diesem Zeitpunkt gewagt habe. Ich habe mir etwas aufgebaut, an das ich nach der zweiten Elternzeit anknüpfen kann; ein Job, der mir zu 100% Spaß macht und bestimmt noch viele spannende Projekte bereit hält.

Bist du auch selbstständig und Mama oder Papa? Mit was kämpfst du aktuell? Hinterlasse gerne einen Kommentar oder schreib mir eine E-Mail an mail@lenakneusels.com!

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